Schwetzingen Festival
Schloss Schwetzingen, Mozartsaal
2 June 2010
Christopher Maltman (baritone – stepping in for Ian Bostridge)
Julius Drake (piano)
Broadcast live by SWR (German broadcast)
Franz Schubert: Die schöne Müllerin
Encore:
Franz Schubert: Wandrers Nachtlied II (D 768)
What the critics say:
Hans-Günter Fischer, Mannheimer Morgen,04. Juni 2010
Über allen Gipfeln ist Unruhe
Absagen-Rekord in Schwetzingen. Es ist bereits die fünfte während dieser Festspiele, und Peter Stieber, Künstlerischer Leiter der Konzertprogramme, wirkt zunächst ein bisschen resigniert. Christopher Maltman weniger. Er kann zwar den erkrankten Ian Bostridge nicht “ersetzen”, denn er ist “nur” Bariton – ein sehr viriler noch dazu – und kein Tenor wie Bostridge, höhenexponiert und mit fast “weißem” Timbre.
Aber dafür kommt der Brite mit dem Drive der Kölner “Don Giovanni”-Produktion. Ende des Monats wird Premiere sein. Ihre dramatischen Impulse bringen jetzt schon Schuberts “Schöne Müllerin” in Wallung. Gegen die Gefahr der Überfeinerung ist sie von Anfang an gefeit, Christopher Maltman sucht hier nicht den zarten Kern des deutschen Kunstliedrepertoires, und eine Reise in das Herz des Biedermeier findet auch nicht statt. Geradezu gefährlich ist die Unrast zu Beginn, beim “Wandern” hat es Maltman ausgesprochen eilig und verschluckt schon mal die Endsilbe des Worts. Und wenn der Müllersbursche später seinen Nebenbuhler sieht, den Jäger, schießt er seine Silben regelrecht heraus.
Der Bariton drängt und dringt
Das ist furios, aber ohne das Textblatt in der Hand fast nicht zu fassen. In gedrängteren Passagen bleibt die Wortverständlichkeit bisweilen auf der Strecke, und auch Julius Drakes Klavier poltert im Mozartsaal des Schlosses dann so grollend los, dass man schier überfahren wird. Ansonsten aber dringt – und drängt -der Sänger tief in Wilhelm Müllers Texte. Maltman hat sein Deutsch nicht nur phonetisch einstudiert, sogar Vokalverfärbungen sind äußerst selten. Dass der Müllersbursche sozusagen von der Opernbühne kommt, ist psychologisch ohne weiteres plausibel. Denn er spielt sich ja Theater vor, mit seiner Selbstgewissheit, seinem Liebesoptimismus. Schöne Illusionen, die nur in der Katastrophe enden können.
Trotzdem kann der Sänger auch viel Stimmschönheit verbreiten: wenn der Wohllaut schon kein Bach mehr ist – sondern ein Strom. Und auch der Sensibilisierungsgrad von Julius Drakes Klavier nimmt zu auf dieser Reise, die ja immer mehr von Dur nach Moll führt.
Maltmans Müllersbursche stirbt den Liebesheldentod. Resignation schmeckt süß. Zuvor jedoch hat er gekämpft, wie man als Mann nur kämpfen kann. Mit atemloser Eifersucht. Aber auch schwerenöterhaftem Charme, auf Maltmans Don Giovanni werden sich die Kölner freuen dürfen. Der Erschöpfte wird in Schwetzingen umjubelt, seine Kraft reicht noch für eine Zugabe, “Wanderers Nachtlied II”. Die Ruhe über seinen Gipfeln war einst Brecht suspekt. Doch hier ist sie genau das Richtige.