Prinzregententheater, Munich
7 February 2010
Ian Bostridge (tenor)
Julius Drake (piano)
Franz Schubert:
Das Heimweh D456
Sehnsucht D879
Im Freien D880
Bei Dir Allein D866/2
Der Wanderer an den Mond D870
Das Zügenglöcklein D871
Die Perle D466
Freiwilliges Versinken D700
Der zürnenden Diana D707
Lied des Gefangenen Jägers D843
Normans Gesang D846
Interval
Der Wanderer (Ich komme vom Gebirge) D493
Hippolits Lied D890
An die Laute D905
An mein Klavier D342
Der Jüngling an der Quelle D300
Wie Ulfru fischt D525
Schlaflied D527
An die Freunde D654
Das Lied im Grünen D917
Der Einsame D800
Im Abendrot D799
Encores
Im Frühling D828
Die Forelle D550
An den Mond (Hölty) D193
Photo Gallery
What the critics say
M.Bieber, TZ and Münchner Merkur 9.2.2010
(translation will follow as soon as possible)
Die Beiden sind schon ein eingespieltes Team– Ian Bostridge und Julius Drake sind seit vielen Jahren eines der packendsten Gespanne im Liedgesang. Bostridges ätherischer, samtiger Tenor, der dennoch zupackend, nervös-flirrend und leidenschaftlich sein kann, wird kongenial ergänzt von Drakes feinnervigem, stets dem Sänger Stütze und Ansporn bietendem Klavierspiel.
Und dennoch wurde das perfekte Liedglück im Prinzregententheater nicht erreicht – trotz eines reinen Schubertprogramms. Vielleicht liegt es daran, dass Ian Bostridge bei allem Wohllaut und unbedingter Textreue (da ist nichts zufällig, jede Nuance gewinnt Farbe, Gewicht , Sinnlichkeit) bei seinem Mitgehen und Mitleben der Lieder auf der Bühnen dann doch nicht in den tiefen Lagen über kapitale Klangfülle verfügt? Vielleicht daran, dass das Duo zu gut harmoniert? Kontraste, Widerstand stünden den Liedern wie Sehnsucht oder Die Perle gut zu Gesicht.
Doch natürlich verheißt dieses Gespann auch pures Glück. Für uns am Wunderbarsten im späten Der Wanderer an den Mond. Drake schreitet dunkel voran, Bostridge wandert „fremd von Land zu Land, so heimatlos, so unbekannt“, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Und im zweiten (Dur-)Teil singt alles von unerreichbarer, todtrauriger, beseelter Sehnsucht.
Christa Sigg, Abendzeitung (AZ), 10.2.2010
(translation will follow as soon as possible)
Wackelnde Pfeiler und feine Verzweiflung
Kontrastprogramm pur:
Die Liederabende von Tenor Ian Bostridge und Bariton Michael Volle
Zugegeben, die beiden Sänger nebeneinander zu stellen, ist schon gewagt: Ian Bostridge, den äolsharfenbewegt-ätherischen Liedexegeten von Schuberts Gnaden, und Michael Volle, einen Opernkraftstrotz par excellence. Aber wenn nun mal beide kurz hintereinander einen Lieberabend geben, vergleicht man unwillkürlich. Zumal Franz Schubert auf dem Programm stand, wenn auch mit Werken, die eh eine ganz unterschiedliche Herangehensweise fordern.
Während Volle mit dem schier endlosen „Taucher“ die Pfeiler des Herkulessaals sauber wackeln ließ und Schillers schaurige Ballade voll Emphase in den Raum schleuderte, konzentrierte sich Bostridge auf einen feinen Kreis sehr verschiedener Lieder. Auf „Das Heimweh“ oder „Die Sehnsucht“, „Normans Gesang“ und „Im Abendrot“. Natürlich konnte er im Prinzregententheater auf einer viel intimeren Ebene agieren, am Flügel traumwandlerisch sicher begleitet von Julius Drake. Schuberts nie ganz versiegende Wut hat sich Bostridge schon lange zu eigen gemacht, die Verzweiflung, das Leiden im vermeintlich hellen Dur. Und wenn er mit weit aufgerissenen Augen wie im Schmerz sich windet, wissend jeden einzelnen Ton setzt, als hätte er nie anderes gesungen, dann ist das bei aller Manieriertheit, die nur in einem einzigen Vokal liegen kann, immer wahrhaftig und von einer Aktualität, die an die Nieren geht.
Weniger subtil gibt sich Münchens Wozzeck-Wolfram-Onegin, er muss die Macht seines Organs zügeln, aufgefordert von Helmut Deutschs routinierter Klangregie. Für Richard Strauss („Vier Lieder“, „Drei Gesänge“) fehlen ein paar Farben, das Moussieren, der lässige Schwung, der nie von Kraft gesteuert sein darf. Diesem Edel-Beckmesser liegt das Drama, die große Geste – selbst in der kleinsten Form. Und mehr noch der beißende Spott, die Ironie eines Hugo Wolf („Mörike-Lieder“).
Kristina Maidt-Zinke, Süddeutsche Zeitung, 10.2.2010
(translation will follow as soon as possible)
Schon der Auftrittsapplaus im fast ausverkauften Prinzregententheater bewies, dass der Sänger hier unter Freunden und Verehrern war. Seine Liederabende in München sind Tradition seit den späten Neunzigern, seine Beschäftigung mit dem Schaffen Franz Schuberts reicht viel weiter zurück. Gleichwohl hat man, wenn Bostridge auf Schubert trifft, noch immer das Gefühl, einem Kampf beizuwohnen, einem existentiell erschütternden Ringen um Atem und Klang, Sprache und Ausdruck.
Der britische Tenor hat vor zwanzig Jahren in Oxford mit einer Arbeit über die Bedeutung der Hexerei im England des 17. und 18. Jahrhunderts promoviert. Und oft scheint es, als habe er sich selbst die Rolle eines Hexenmeisters zugedacht, der das Publikum mit allen Mitteln in seinen Bann zwingen will. In den großen Momenten seiner Recitals überwältigt die Magie seiner Sängerpersönlichkeit, ein alchimistischer Cocktail aus intellektueller Kühle und brennendem Pathos, sezierender Schärfe und rückhaltloser Einfühlung. In anderen Augenblicken wünscht man sich, er würde den Überdruck von seinem Hexenkessel nehmen, um sich auf Farben und Nuancen der Schubertschen Liedwelt jederzeit so konzentrieren zu können, wie es seinem Gestaltungsdrang gemäß wäre.
Vor allem in der ersten Hälfte seines aktuellen Programms war jener Überdruck nicht nur in Körpersprache und Mimik als enorme, optisch fast quälende Anspannung präsent. Er führte auch zu interpretationstechnischen Problemen, und zwar immer dann, wenn er als vokaler Nachdruck hörbar wurde.
Bostridges leichte, hell timbrierte Stimme ist zu müheloser Höhe und schneidender Fokussierung fähig, zu delikatestem Pianissimo und geheimnisvollem Schattendunkel, und last not least zu einem vibratofreien Forte. In Verbindung mit seiner extrem deutlichen Artikulation (von kleinen anglophonen Resten abgesehen) und seiner kalkulierten Expressivität, die stets bestrebt ist, Idyllen zu hinterfragen und Abgründe aufzureißen, ist dies für eine zeitgemäße Schubert-Darstellung das ideale Rüstzeug. Es wird jedoch beeinträchtigt, sobald physische Verkrampfung die Stimme verengt oder das Forcieren auf einzelnen Silben eine Art Nachbeben erzeugt. Das wirkt dann, als schliche sich ein „falscher Ton” in die von Bostridge so detailversessen angelegten Miniaturdramen, und mitunter leidet ganz vordergründig die Intonation.
Vor solchen Gefährdungen retten den Sänger am besten bewegte Stücke, für die eine gewisse Lockerheit der Deklamation unumgänglich ist – wie die beiden Raritäten „Lied des Gefangenen Jägers” und „Normans Gesang” nach Walter Scott, die den ersten Programmteil abschlössen. Merklich entspannter, wenn auch demonstrativ ruhelos, fand Bostridge danach zu lyrischer Leichtigkeit bei „Hippolits Lied” und „An die Laute”, zu einem hinreißenden Erzählduktus bei „Das Lied im Grünen” und „Der Einsame”, zu geisterhafter Schwärze bei der Begräbnisvision „An die Freunde”. Und wie schön wäre „Im Abendrot” gelungen, wenn er sich im Mittelteil nicht wieder unnötig exaltiert hätte, statt zuzulassen was jenseits aller durchdachten und ausagierten Liedgestaltung auch zu Schubert führen kann – eine schlichte, nach innen gekehrte, im Glücksfall mitten ins Herz treffende Intensität.
Dass Bostridge dazu in der Lage wäre, steht außer Zweifel, und mit einem hochsensiblen, hochflexiblen Pianisten wie Julius Drake an der Seite hätte er nichts zu fürchten. Ovationen freilich sind ihm‘ auch so sicher, und ohne die muntere Forelle als Zugabe kommt er wohl nirgends davon.





















