Prinzregententheater, Munich
21 July 2001
Ian Bostridge (tenor)
Julius Drake (piano)
Franz Schubert
Der Strom D 565
Auf der Donau D 553
Lied eines Schiffers an die Dioskuren D 360
Nachtstück D 672
Viola D 786
Abendstern D 806
Gondelfahrer D 808
Auflösung D 807
Widerschein D 949
Alinde D 904
Rastlose Liebe D 222
Geheimes D 719
Versunken D 715
Der Winterabend D 938
Die Sterne D 939
Die Götter Griechenlands D 677
What the critics say
Die Welt, Jens Peter Launert 25. Juli 2001
Der Barde als Analytiker
Ian Bostridge, der englische Shootingstar der Liedszene, gab am Montag ein Schubert-Recital bei den Münchner Opernfestspielen. Das Prinregententheater war ausverkauft, es hat sich anscheinend mittlerweile herumgesprochen, dass Bostridge nicht nur akzentfrei Deutsch singt, sondern als Liedsänger ganz eigene Geschichten erzählt mit seiner Stimme – und mit seiner schlaksigen Erscheinung.
Es ist schon ein wenig gewöhnungsbedürftig, wie sich Bostridge am Flügel rekelt, während er singt. Er windet sich mit skurrilen Armbewegungen hin und her, kokettiert knabenhaft mit seinem Publikum. Seine Gestik hat jedoch nichts Außermusikalisches an sich, nichts Manieriertes. Das würde auch nicht zu ihm passen, denn Ian Bostridge ist Historker. Der Oxford-Absolvent betont in Interviews stets seinen intellektuellen Zugang zur Musik. Trotz allen Intellekts bewegt er sich ständig im Irrationalen, durchschaut Melodie und Text, erspürt die Pointen, wie kaum ein anderer Sänger. Das hat ihm unter anderen Fischer-Dieskau beigebracht.
Eher unbekanntes Liedrepertoire hatte er sich für diesen Abend ausgesucht. Deswegen war der Abend aber nicht weniger spektakulär als die großen Schubert-Zyklen à la “Winterreise”. In der ersten Hälfte beeindruckte vor allem das ellenlange Lied “Viola”, bei dem Bostridge gemeinsam mit seinem ausgezeichnet vorbereiteten Begleiter Julius Drake über eine Viertelstunde lang aus einem Lied ein Mini-Drama konstruierte. Hervorzuheben sind auch “Winterabend”, “Lied eines Schiffers an die Dioskuren” und “Die Götter Griechenlands” nach einem Gedicht von Friedrich Schiller. Erst nach drei Zugaben entließ ihn das restlos begeisterte Publikum.