Philharmonie, Cologne

23 November 1999

Ian Bostridge (tenor)
Julius Drake (piano)

Gustav Mahler
Lieder eines fahrenden Gesellen

Interval

Hans Werner Henze
6 songs from the Arabian        – World Premiere -

What the critics say

Klaus Geitel, Die Welt, 2.12.1999

Abends bei Henze ist der Mond noch in Ordnung

Der Tenor Ian Bostridge glänzt in der Uraufführung von Hans Werner Henzes “Sechs Gesänge aus dem Arabischen” in Köln

Aus diesem Anlass ist Franz Xaver Ohnesorg tatsächlich noch einmal nach Köln eingeflogen, hat die von ihm betreute New Yorker Carnegie Hall sich selbst überlassen, um der Uraufführung der “Sechs Gesänge aus dem Arabischen” von Hans Werner Henze in der Philharmonie beizuwohnen, einem dreiviertelstündigen Liederzyklus, den Ohnesorg noch in Auftrag gegeben hatte. Zwei Tage zuvor hatte man überdies in Köln eine andere Auftragskomposition Ohnesorgs aus der Taufe gehoben: das Violinkonzert von Manfred Trojahn.

Die Henze-Lieder sind dem schmalen, hoch geschossenen englischen Jung-Tenor Ian Bostridge auf den Leib und mehr noch auf die Stimme geschrieben. Er steht in seinem dunklen Primaneranzug ekstatisch auf der Philharmonie-Bühne: ein gotisch-expressiver Wasserspeier des Liedes, offenbar vom benachbarten Dom zeitweilig beurlaubt.

Nur wird Bostridge nun zwingend um Urlaubsverlängerung einkommen müssen: Der Henze-Zyklus ist inzwischen schon von Aldeburgh und Amsterdam, Bath, Brüssel und Edinburgh, London, München, New York, Paris, Wien und Zürich gebucht. Berlin dagegen passt noch – zumindest einstweilen. Vielleicht erwächst daraus mit der Zeit dieses fürchterlich chronische Verpassen, beflügelt durch immerwährende Nein-Sagerei, deren prominentestes Opfer, noch vor Thielemann, Rexroth, Weingarten, Kölns Franz Xaver Ohnesorg wurde. Berlin, taub und blind, ließ ihn sausen.
Ian Bostridge begann seinen Liederabend mit Mahlers “Liedern eines fahrenden Gesellen”, und buchstäblich mit dem ersten Takt zeigte sich Julius Drake am Klavier dem Sänger als kongenialer Begleiter. Das bewies Drake in der Folge nachdrücklich mit den Henze-Gesängen: sinfonischen Szenen für Singstimme und Klavier, theaterhaft konzipiert, bildhaft aufrauschend, vollgriffig, verinnerlicht.
Nichts klingt arabisch in diesen “Arabischen Gesängen”. Henze hat sich die Texte seiner ausladenden Gesänge selber geschrieben – bis auf den Schlussgesang vom “Paradies”, der auf Hafis zurückgreift. Auch werden einmal fünf Sturm-Zeilen aus Goethes “Erster Walpurgisnacht” einbezogen. Alles andere ist sprachlich waschechter Henze.

Seit vielen Jahren hat er die Winter stets in Kenia verbracht. Sein Arabien ist demnach eine Mischung aus Realität und Fantasie, die sich reich getönt aussingt: eine Klavier-Symphonie für obligaten Tenor. Schon in seiner neunten Sinfonie hat sich Henze als großartiger musikalischer Landschaftsschilderer erwiesen. So auch hier. Wenn er im dritten Gesang einen “Sonnenaufgang” beschreibt, wachsen der Komposition buchstäblich Schwingen, die sie im weltabgeschiedenen Schlussgesang wieder einschaltet, wenn es gilt, sterbend den Mond zu erklimmen.

Ein Liederzyklus als musikalischer Rechenschaftsbericht über die Jahre hin. Aller Reichtum der Kunst Hans Werner Henzes ist in ihn eingegangen: Abenteuerlust und Süßigkeit, dramatischer Zugriff und beseligende lyrische Entspannung. Die Gesänge, alle vereint, bilden geradezu eine Traumrolle für einen jungen Sänger, und Bostridge wie Drake wurden ihr bewunderungswürdig gerecht. Reicher Beifall galt anhaltend dem Komponisten wie den Interpreten. Über Mangel an Beifall konnte auch Manfred Trojahn sich nicht beklagen. Sein dreisätziges, 20-minütiges Violinkonzert beginnt mit einem geigerischen Feuerwerk in strikter Sonatenform. Danach ergießt es sich in eine Fantasia, die nach einer reichen Kadenz in eine Aria mündet: einen ruhigen, nachdenklichen Glücksgesang einer neuen Musik, die ihr Publikum für sich gewinnen und nicht nachdrücklich abstoßen will. Ein Revolutionär im Schafspelz des vermeintlich Konservativen. Sein Erfolg gehört ihm ganz.

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