Neue Vorarlberger Tageszeitung
17 June 2009
Translation below
Heute Abend beginnt die diesjährige Schubertiade Schwarzenberg. Mit dabei ist wieder Julius Drake. Die NEUE hat ihn in London getroffen.
Kein BegleiterJulius Drake, einer der profiliertesten Liedbegleiter weltweit, ist regelmäßiger Gast der Schubertiade. Heuer begleitet er Gerard [sic] Finley und Ian Bostridge und springt für den erkrankten Graham Johnson ein. Die NEUE traf den Pianisten in London.
NEUE: Herr Drake, wenn Sie mit Sängern arbeiten, müssen Sie wohl den Vokalpart sehr gut kennen?
Julius Drake: Ich muss das Gedicht, auf das ein Lied geschrieben ist, so gut kennen wie der Sänger selbst. In den Proben besprechen wir die musikalische Struktur, etwa was der Komponist mit einer bestimmten harmonischen Wendung ausdrücken will. Klavier und Gesangsstimme interpretieren das Gedicht zusammen.
Was passiert, wenn ein Sänger den Text vergisst?
JD: Jeder, der auswendig vorträgt, weiß, dass man etwas vergessen kann – das ist immer ein Risiko, aber nicht das Ende der Welt. Das Wichtigste ist, dass das Konzert weitergeht.
Wer konzipiert die Programme?
JD: Das ist je nach Sänger verschieden. Bei der Schubertiade werde ich einmal für Graham Johnson einspringen, somit spiele ich ein Programm, das er mit Christopher Maltman erarbeitet hat. Oft suche ich mit dem Sänger gemeinsam etwas aus, mit dem wir dann auch Aufnahmen machen, auf Tournee gehen, wie beim Schumann-Heine-Konzert mit Gerard Finley in Schwarzenberg am 26. Juni. Für Ian Bostridge sind gute Programme besonders wichtig, sie kommen meist von ihm selbst, wie jenes im September: von Purcell und Bach bis Britten und Weill. Meistens schlägt er etwas vor, was wir dann oft bezüglich Ablauf etwas ändern, aber es bleibt sein Konzept.
Sie werden nicht gerne “Begleiter” genannt?
JD: Nein, denn es ist ein irreführender Begriff. Wenn ich nur begleiten würde, wäre es keine gute Arbeit. Sänger und Pianist müssen je einen vollen Beitrag leisten. Ein „Begleiter“ hinkt immer einen Schritt hinterher, und egal wie gut der „Solist“ ist, wird das Konzert nicht erstklassig sein. Liedgesang ist Kammermusik – Sänger und Pianist sind gleichgestellt.
Wie kam es zur Entscheidung, mit Sängern anstatt solistisch zu arbeiten?
JD: Ich wurde als Solopianist ausgebildet, merkte aber sehr früh, dass ich gern das Podium mit jemandem teile und konzentrierte mich somit auf Kammermusik. Mit Anfang zwanzig steigerte sich meine Begeisterung für Liedgesang, sodass ich nun hauptsächlich mit Sängern arbeite, wobei immer noch zu dreißig Prozent mit Instrumentalisten.
Was macht einen guten Liedersänger aus?
JD: Es ist jemand, der Lieder leidenschaftlich liebt und darauf brennt, Musik und Text mitzuteilen. Er hat eine zauberhafte Kombination von Ausstrahlung und Mitteilungsbedürfnis und kann das Publikum in seinen Bann ziehen.
NEUE: Wollten Sie je einen anderen Beruf wählen?
JD: Nein, niemals … doch, als ich sieben war, wollte ich auch Müllmann werden – tagsüber Müllmann und abends Pianist.
Translation by Petra Habeth
This evening the current Schubertiade Schwarzenberg begins. Julius Drake is present again. The “Neue” met him in London.
No Accompanist
Julius Drake, a distinguished accompanist throughout the world, is a regular guest of the Schubertiade. This year he accompanies Gerald Finley and Ian Bostridge and steps in for the ill Graham Johnson. The “Neue” met the pianist in London.
Mr Drake, when you are working with singers, you probably have to know the vocal part very well?
JD: Ideally I should know the poem for the song just as well as the singers themselves do. In the rehearsals we speak about the musical structure, i.e. what the composer wants to emphasise with the harmony and melody and the various indications in the score. The piano and voice interpret the poem together.
What happens if the singer forgets their texts?
JD: Everyone who performs by heart knows that you can forget something – this is always a risk but it’s not by any means the end of the world. The most important thing is that the concert goes on!
Who conceives the programme?
JD: That is very different and depends on the singer. During the Schubertiade I will step in for Graham Johnson, thus I will play a programme he has worked out with Christopher Maltman. Usually I choose together with the singer the programme, like the Heine-concert with Gerald Finley at Schwarzenberg on 26 June. However with Ian Bostridge he usually works out the programme on his own, like the one in September: from Purcell and Bach to Britten and Weill. Mostly he proposes something, we often change things concerning the order a bit, but it stays his concept.
You don’t like to be called an accompanist?
JD: No, because it is a misleading term. If I only accompanied it would not be a good concert. Singer and pianist must each make a full contribution. An “accompanist” limps always one step behind and no matter how good the “soloist” is the concert will never become first class. Lied singing is chamber music – the singer and the pianist are in it together!
How did you make the decision to work with singers instead of working as a soloist?
JD: I was educated as a solo pianist but realised very early that I really liked to share the podium with someone and therefore concentrated on chamber music. When I was in my early twenties my passion for Lied grew, so that I now primarily work with singers, only thirty percent still with instrumentalists.
What makes a good Lied pianist*?
JD: It is someone who loves Lieder passionately and is burning to convey music and text. They have to have a combination of getting on with and liking people, charisma and an ability to communicate their love of the music with the audience.
Did you ever want to choose another profession?
JD: No, never ….no wait, when I was seven, I also wanted to become a garbage collector – during the day a garbage collector and in the evening a pianist.
[*The German original uses the term "Liedersänger", but "Liederpianist" was meant. PH]